13 May 2010
Interview im Westfalen-Blatt: »Auch Muslime in der Pflicht«
Paderborn (WB). Wenn am Montag die Deutsche Islamkonferenz einen neuen Anlauf nimmt, sitzt die Paderborner Religionswissenschaftlerin Tuba Isik-Yigit mit am Tisch in Berlin. Die 28-jährige Doktorandin arbeitet an der Universität der Paderstadt am Aufbau eines Studienganges für islamische Religionslehrer mit.
Bei zwei vorbereitenden Treffen zur Islamkonferenz haben alle Beteiligten – Vertreter von Bund, Ländern, Kommunen und muslimischer Verbänden sowie zehn muslimische Einzelpersonen – bereits einen groben Rahmen abgesteckt. »Am Montag wollen wir dann konkrete Vorschläge erarbeiten. Es geht dabei unter anderem um die Etablierung von Ausbildungsstätten für islamische Religionslehrer und Imame sowie Themen wie extremistischer Islamismus und Geschlechtergerechtigkeit«, sagt Tuba Isik-Yigit im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT. Sie ist als Einzelperson zur Konferenz entsandt, fühlt sich aber besonders den Anliegen des im Jahr 2007 gegründeten Aktionsbündnisses muslimischer Frauen verpflichtet, dessen Vorstand sie angehört.
Im Vorfeld der Islamkonferenz hatte es Differenzen darüber gegeben, welche muslimischen Verbände geladen sind und welche nicht. So war der Islamrat wegen strafrechtlicher Ermittlungen gegen dessen Mitgliedsorganisation Milli Görüs ausgeschlossen worden. Der Zentralrat der Muslime hat über eine Teilnahme noch nicht entschieden. Das Innenministerium als Gastgeber sucht zudem einen Verband, der Moscheevereine aus dem arabischen Raum repräsentiert. »Von Seiten der Muslime gibt es Kritik an der Zusammenstellung des Gremiums.
Nicht alle sehen hier eine neutrale Haltung des Innenministers«, beschreibt Tuba Isik-Yigit die Stimmung, ohne sich dieser Kritik anschließen zu wollen.
Ihr geht es um die Integration, ein Prozess, der beide Seiten fordert. »Die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft müsste eine offenere Haltung annehmen«, meint die Juristin, Pädagogin und Religionswissenschaftlerin. Die Kopftuchfrage müsste »längst vom Tisch« sein.
»Es nervt, wenn ich darauf immer noch angesprochen werde.« Sie trage ein Kopftuch, da dies ihrem Verständnis des Koran entspreche. »Das ist also meine Privatangelegenheit – auch wenn diese in der Öffentlichkeit sichtbar ist.« Nicht-Muslime müssten auch lernen, zwischen Religion und Tradition zu unterscheiden. »Zwangsheirat hat nichts mit dem Islam zu tun.«
Auf der anderen Seite seien selbstverständlich auch die Muslime in der Pflicht. »Wer hier in Deutschland lebt, muss das Grundgesetz akzeptieren, sich mit dem Land identifizieren können und die Sprache lernen.«
Eine klare Meinung hat das SPD-Mitglied auch zur Diskussion über das Burka-Verbot in Ländern wie Frankreich und Belgien. »Ich selbst lehne eine Ganzkörperverschleierung ab.« Wer aber das Recht habe, sein Gesicht tätowieren und mit Piercings schmücken zu dürfen, dem sollte auch das Recht zur Verschleierung zugestanden werden. »Diese schränkt die Kommunikationsfähigkeit zwar ein, aber rein juristisch sehe ich nicht, warum man das verbieten sollte.«
Tuba Isik-Yigit ist gebürtige Mainzerin, sie hat die deutsche Staatsangehörigkeit. Ihre Familie stammt aus der Türkei. Nach einem Jura- und Pädagogikstudium in Göttingen absolvierte die 28-Jährige einen Studiengang zur islamischen Religionslehrerin an der Uni Osnabrück. Mit ihrem Mann lebt sie in Dortmund. Seit Semesterbeginn arbeitet sie mit einer weiteren Doktorandin als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften der Uni Paderborn. Sie promoviert zum Thema »Muhammad als Gesandter Gottes im islamischen Religionsunterricht« bei Dr. Klaus von Stosch, Professor für katholische Theologie.
Deutsche Islamkonferenz
Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hatte die Islamkonferenz 2006 einberufen. Sie tagte bis Juni 2009 vier Mal und diente hauptsächlich dem Vertrauensaufbau. Die Konferenz wird jetzt mit neuen Teilnehmern fortgesetzt. Der Bund ist mit sechs statt bisher acht Vertretern dabei. Die Länder entsenden ebenfalls sechs Mitglieder ins Plenum. Für die Kommunen sind die Oberbürgermeister von Nürnberg, Duisburg und Göttingen dabei sowie Vertreter des Kreises Konstanz und der Stadt Bergkamen. Voraussichtlich sieben muslimische Verbände nehmen teil sowie zehn muslimische Einzelpersonen, vom Journalisten, Wissenschaftler und Juristen bis zum Politiker und Imam. Die Leitung hat Innenminister Thomas de Maizière (CDU).
Von Bernd Bexte. Erschienen am 12.05.2010 im Westfalen-Blatt. Online-Link zum Artikel.