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4. Internationaler Kongress Islamischer Feminismus, 21-24 Oktober 2010 in Madrid, Spanien

Spanische Amt für Entwicklungszusammenarbeit (AECID), das spanische Ministerium für Gleichstellung und einigen weiteren Sponsoren in Kooperation mit Junta Catalana Islamica, der iranischen und amerikanischen Botschaft in Spanien veranstaltete vom 21. bis 24. Oktober 2010 seinen vierten Congress über „Islamischen Feminismus“. Die Veranstalter legten den Schwerpunkt auf die Analyse des derzeitigen Stands der Bewegung und dessen zukünftigen Perspektiven. Es gilt die Ablehnungsgründe gegenüber Islamischen Feminismus -sowohl unter Nicht-Muslimen und Muslimen- zu ergründen und über Möglichkeiten, diesen adäquat zu begegnen, nachzudenken. Worin liegen die Potenziale des IF, die Situation der muslimischen Frauen in den unterschiedlichen Kontexten zu verändern, in denen sie diskriminiert werden.

Die TeilnehmerInnen stellten auf diese Schwerpunkte beziehend, unterschiedliche analytische Lösungsansätze vor. Einige Teilnehmerinnen wie zum Beispiel Omaima Abu Bakr aus Ägypten bezogen sich dabei auf den hegemonialen Gelehrtendiskurs, dessen wesentlichen Ansätze die Hermeneutik (tafsir) und Jurisprudenz (fiqh) im Islam sind, die derzeit nicht nur an der Al-Azhar Universität verfolgt werden. Kerngedanke des Diskurses ist die Leseart von meist männlich geprägten bzw. lediglich kulturell dominierenden Traditionen zu befreien, um so eine geschlechtergerechte und gleichberechtigte Auslegung und Interpretationen des Korans zu ermöglichen.
Andere Teilnehmerinnen wie z.B. Houria Bouteldja aus Frankreich oder Zahira Kamal aus Palästina zählen eher zu den Aktivistinnen und haben einen deutlicheren Praxisbezug. Sie berichteten über die aktuelle Situation und Lage muslimischer Frauen in ihren jeweiligen regionalen Handlungszusammenhängen und machten zum Beispiel wie an der Heraufsetzung des Heiratsalters in den besetzen Gebieten Palästinas deutlich, wie Instrumente des IF im Frauenrechtsdiskurs verwendet werden können.

Laura Rodigrez (Spanien) beschrieb die Probleme, die spanischen Muslime (ca. 1,5 Mio.), seien sie spanischstämmig oder nicht, in der für westeuropäische Länder typischen Minderheitensituation haben sowie über die stereotype Wahrnehmung aufgrund medialer Berichterstattungen und der übermäßigen Problematisierung zahlenmäßig eher geringer Erscheinungen wie zum Bespiel der Burka. Arzu Merali (England) stellte anhand der Entwicklungen im eurozentristischen Feminismus die Differenzen zu den dekolonialisierten und in den 3. Welt Ländern existierenden Feminismen heraus.

In einem anderen Panel stellte Durre Ahmed aus psychoanalytischer Sicht die Zusammenhänge zwischen Maskulinität und Spiritualität im Islam dar, wobei sie sich an Konzepte von C.G. Jung und S. Freud anlehnte.

Im weiteren Verlauf wurde dann das Paper von Fariba Alaswarid (Iran) verlesen, die aufgrund von Visa-Schwierigkeiten nicht teilnehmen konnte. Sie vertrat die Lehrmeinung aus Ghom (Iran), in der von feststehenden Genderroles ausgegangen wird und postulierte die Unvereinbarkeit von Islam und Feminismus. Denn im islamischen Menschenbild sei von Vornherein gar keine Geschlechterdifferenz angelegt, sondern allein im Zusammenhang der Familienorganisation und zum Schutz der Familie seien den Geschlechtern unterschiedliche Rollen zugewiesen. Ziba Mir Hosseini, die ebenfalls aus dem Iran stammt und in England lebt, vertrat dagegen die Ansicht, dass die islamische Rechtstradition und der Feminismus erst in Verbindung miteinander einen neuen Dialog ermöglichen und wies darauf hin, dass im Iran mittlerweile säkulare und religiöse Feministinnen enger denn je zusammenarbeiten, da sie die selben Ziele verfolgen. Auch verwies sie wie später ebenfalls der Theologe Juan José Tamayo auf die Bedeutung befreiungstheologischer Ansätze im Christentum, die für den Islam mindestens genauso wichtig seien und im Islam auch zu finden wären.

Zira Mir-Hussaini vertrat sogar die Ansicht, dass die Konzepte Islam und Feminismus zusammengehören und hob dezidiert den befreiungstheologischen Aspekt des IF hervor. Es müsse sich politisch engagiert werden, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. In einem anderen Panel wiederum standen die Zusammenhänge von koranischer Hermeneutik und der Frauenrechte als Menschenrechte sowie auch die Bedeutung interreligiöser feministischer Hermeneutik für den IF im Mittelpunkt. Besonders die unterschiedlichen Selbstbezeichnungen die Rednerinnen, die sich zum Teil sogar ausdrücklich entweder als muslimische oder als islamische Feministinnen vorstellten, führten mehrfach dazu, dass andere Teilnehmerinnen hier eine genauere Definition nachfragten. Margot Badran, die leider an dieser Konferenz nicht teilnehmen konnte, hätte hierzu sicherlich etwas beitragen können. So sah sich stattdessen Ziba Mir Hosseini dazu aufgefordert, ein entsprechendes Statement abzugeben. Für sie bestünden zwischen islamischem und muslimischem Feminismus eigentlich keine Unterschiede in der Zielsetzung, lediglich in der Strategie, weshalb sie auch keinen großen Bedarf darin sähe, diese begriffliche Unterscheidung im Diskurs derart zu verankern bzw. zu manifestieren.
Ein anderer Schwerpunkt der Konferenz bestand darin, sufistische Perspektiven auf den Themenkomplex Gender und Islam zu präsentieren. Hierbei wurde zum Beispiel in sehr anspruchsvollem Nieveau die spirituelle Dimension in Bezug auf Gender und den großen Jihad exemplarisch anhand von Ibn Arabi durch Sa’diyya Shaikh vorgestellt. Unter anderen hatte hierbei dann auch Sheikha Maryam Faye (EEUU), Sheikha des Mustafawiyya Sufi Ordens die Gelegenheit, ihre spezielle Sicht und Herangehensweise vorzustellen.

Fazit
„We miss diversity!“ Fortschritte im Diskurs konnten nicht festegestellt werden. Der Stand des „Islamischen Feminismus“ ist immer noch derselbe wie vor 10 Jahren, immer noch nicht ist geklärt, in wieweit dieser nun tatsächlich ein soziales Projekt ist oder doch „nur“ ein Gelehrtinnendiskurs. Die Heterogenität unter den Muslimen und innerhalb des Islam ist sicherlich massgeblich dafür, warum sich der „Islamische Feminismus“ nicht zu einer Bewegung (movement) formiert, die manche seiner Vertreterinnen gerne sehen würden. Insoweit kann Omaima Abu Bakr also zugestimmt werden: Die Diffusion im Diskurs hat mittlerweile dazu geführt, dass nicht mehr eindeutig bestimmt werden kann, was eigentlich unter der Bezeichnung „Islamischer Feminismus“ zu fassen ist.
Diese Bezeichnung ist für viele schon immer irreführend gewesen. Sei es, weil sein Bestreben als genuin im Islam verankert betrachtet wird, sei es weil sich zu sehr die Assoziation mit dem westlichen und somit dem aus christlich-jüdischer Tradition erwachsenen Feminismus aufdrängt. Vielleicht taugt diese Bezeichnung tatsächlich nur zu Selbstbeschreibung. Ein darunter zu fassendes, weitgehend geschlossenes oder von der Zielsetzung her zu verallgemeinerndes Projekt kann damit jedenfalls nicht beschrieben werden.
Es ist nur von Vorteil, wenn die weltweite Vernetzung muslimischer Frauen und Frauenaktivistinnnen vorangetrieben wird. Engagierte Musliminnen wissen das längst. Ob dafür unbedingt ein Oberbegriff, der zudem noch strittig ist, notwendig ist, bleibt dahingestellt. Vermutlich benötigen Soziologen und Politiker einen solchen Begriff, um über etwas „Besonderes“ sprechen zu können. Die im Diskurs stehenden Frauen und engagierten Musliminnen stehen damit aber zugleich in der Gefahr, innere Dialoge und konstruktive Kontroversen aufgrund eines Bezeichnungsproblems nicht führen zu können, da sie sich so eher voneinander separieren als aufeinander zu bewegen. So mangelte es während der Konferenz auch daran, genauer zu bestimmen, wer denn nun eigentlich dazu gehört und wer nicht. Kann eine Muslimin, die für die Frauenrechte als Menschenrechte eintritt, zugleich aber der Auffassung ist, dass die Frau komplementär dem Mann zur Seite steht, wovon sich in essentialistischer Manier ihre Primärpflichten als Mutter und Ehefrau ableiten, als Feministin gelten? Eine Auseinandersetzung mit solchen basalen Fragen ist nicht erfolgt, auch dann nicht als eine junge Muslimin anmahnte, doch bitte nicht das Kopftuchgebot mittels eines westlichen feministischen Freiheitsbegriffs derart zu relativieren.
In der Zukunft gilt es also abzuwarten, ob sich tatsächlich ein Feminismus im Islam formiert oder doch nicht eher verschiedene Feminismen. Als Gelehrten und Gelehrtinnendiskurs, wie von Omaimana Abu Bakr verstanden, existiert er sicherlich. Ob er jedoch genau in dieser Hinsicht auch die Gesamtheit der Muslime anspricht und erreicht, muss angezweifelt werden. Theologisch gesehen ist er offenkundig am wirken, soziologisch betrachtet wirken aber je nach den unterschiedlichen länderspezifischen und regionalen Bedingungen im ökonomischen, kulturellen und sozialen Kontext weitaus mehr Faktoren und „feministische“ Mechanismen als dass davon einer als der „Islamische Feminismus“ hervorzuheben wäre.