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Am 9.10. fand das zweite Treffen der Reihe Muslimisches Engagement in NRW in Düsseldorf statt. Diesmal stand die inhaltliche Arbeit im Mittelpunkt, die die Ausgestaltung des Forums Muslimische Zivilgesellschaft in NRW konkretisieren soll. Die rund 60 TeilnehmerInnen hatten die Möglichkeit, für sie wichtigen Themen zu benennen, sie in Kleingruppen weiter zu bearbeiten und dem Plenum vorzustellen. Die Umsetzung der Ideen liegt in der Hand der TeilnehmerInnen, das Ministerium bietet gegebenenfalls den finanziellen Rahmen.

 

Hier findet ihr einige Impressionen:

 

Am 1.-2- Oktober 2019 fand der Fachtag „Flucht-Migration-Heimat(en)“ in Berlin statt, ausgerichtet von Inssan e.V. und dem Center for Intersectional Justice. Unser Vorstandsmitglied Maryam Kamil Abdulsalam nahm an dem Fachgespräch unter dem Titel „Verbote, Freiheit und Gleichheiten“ gemeinsam mit Dr. Nahed Samour und Zeynep Cetin teil und sprach über die gesetzlichen Verbote von religiösen und weltanschaulichen Kleidungsstücken im allgemeinen und dem Kopftuch im Besonderen. Im Austausch mit den Teilnehmenden stellte sich vor allem das Gefühl der Ungleichbehandlung gegenüber anderen Religionsgruppen, die betroffene Intersektionalität und das Unverständnis über das sog. Berliner Neutralitätsgesetz hervor.
Im weiteren Programm sprach Dr. Ferid Hafez über die Salonfähigkeit des antimuslimischen Rassismus und stellte dabei in den Vordergrund, dass die Diskussion über antimuslimischen Rassismus im Grunde eine Diskussion über die Dominanzgesellschaft und ihre Probleme und Herausforderungen ist. Er forderte, dass Minderheiten sich weniger durch die Brille der Dominanzgesellschaft sehen sollten, sondern vielmehr an der Selbstwertschätzung arbeiten und selbstbewusst einen gleichberechtigten Machtanspruch in der Gesellschaft stellen sollten.

Weitere Bilder Videos und Infos findet ihr auf Facebook.

Seit Anfang des Jahres wird das AmF mit dem Projekt „Muslimische Frauen für mehr Teilhabe “ von der Robert Bosch Stiftung gefördert. Um das Projekt zu koordinieren und durchzuführen, hat das AmF ein Büro eingerichtet, in dem zwei Mitarbeiterinnen für Fragen zum Projekt zur Verfügung stehen.

Das Team

Naima Niazy ist seit etwa zwei Jahren im AmF aktiv und Mitglied in der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit. Dabei verwaltete sie die Webseite und Facebookseite und schrieb hin und wieder Zusammenfassungen zu Gerichtsurteilen oder wissenschaftlichen Studien. Sie studierte molekulare Biomedizin und war mehrere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der naturwissenschaftlichen und klinischen Forschung tätig, zuletzt als Leiterin einer Juniorgruppe. Seit Juli 2019 ist sie Projektleitung des Projekts „Muslimische Frauen für mehr Teilhabe“.

Nardin Maarouf ist seit März 2019 studentische Hilfskraft im Aktionsbündnis muslimischer Frauen. Sie befindet sich zurzeit in den letzten Zügen ihre Jura Studiums und hat sich in diesem Rahmen unter anderem auch mit dem religiösen Wertewandel im Grundgesetz beschäftigt. Weiterhin absolvierte sie ein Praktikum im deutschen Bundestag und war Stipendiatin des Avicenna Studienwerks. Ehrenamtlich engagiert sie sich im internationalen Sportclub Alhilal in Bonn e. V. als Jugendwartin.

gefördert durch:

Der Fachtag am 17.07 wurde von klever-iq und adis e.V. Reutlingen/Tübingen in Kooperation mit im Bereich Arbeitsmarktdiskriminierung aktiven Organisationen ausgerichtet, unter ihnen dem Aktionsbündnis muslimischer Frauen. Das Thema ist von zentraler Bedeutung für unsere Aktivitäten, daher waren beide AmF-Vorstandsvorsitzenden sowie die Mitarbeiterinnen unseres Büros vor Ort – Gabriele Boos-Niazy hielt außerdem einen der fachlichen Inputs.

Ziel des Fachtags, der in den Räumlichkeiten des Hospitalhof stattfand, war neben der Information über den Status Quo, mit Betroffenen und kommunalen Akteur*innen konkrete Projektideen zu entwickeln. Das Publikum war bunt gemischt; neben vielen Teilnehmer*innen aus Arbeitsagenturen waren auch Mitarbeiter*innen anderer kommunaler Verwaltungen und Akteur*innen diverser Migrantenorganisationen anwesend.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Andreas Foitzik (adis e.V) stieg eine Runde von vier Expert*innen mit einem Interview-Talk in die Thematik ein. Prof. Dr. Lara Golesorkhi (WoW–With or Without e.V.), Roswitha Keicher (Vorsitzende der AG Integration zugewanderter Menschen des Städtetags Baden-Württemberg), Jwanita Khatib-Saleh (Coexist e.V.) und Hüseyin Ertunç (IQ Netzwerk Baden-Württemberg) stellten ihre Organisation/Institution und ihre Arbeit im Bereich „Kopftuchtragende Frauen auf dem Arbeitsmarkt“ vor.

Im ersten Vortrag beleuchtete Gabriele Boos-Niazy die rechtliche Situation und die Auswirkungen auf die betroffenen Frauen. Sie betonte die Wichtigkeit für die Betroffenen, die Rechtslage zu kennen und ging besonders auf die Entscheidung des EuGH von 2017 ein, die in den beiden dort behandelten Fällen zu zwei unterschiedlichen Ergebnissen führte – das trägt nicht zur Rechtssicherheit bei. (Nähere Informationen dazu finden sich hier).

Nach einer kurzen Pause folgte der Vortrag von Prof. Dr. Albert Scherr von der pädagogischen Hochschule Freiburg. Der Autor verschiedener Studien zum Thema Diskriminierung erklärte die Strukturen hinter der Diskriminierung von Kopftuch tragenden Frauen auf dem Arbeitsmarkt und die Begründungen von Personalverantwortlichen. Die Diskriminierung muslimische Frauen habe die gleichen Ursachen wie berufliche Diskriminierung im Allgemeinen, allerdings existiere empirisch gesehen ein wesentlich größeres Maß an „Nicht-Schuldbewusstsein“. Lösungsansätze müssten dazu führen, dass kopftuchtragende Frauen als "normale" Arbeitnehmerinnen gesehen würden. Als positive Beispiele für das „Mitdenken“ Kopftuch tragender Frauen nannte er Handwerkskammern und den deutschen Fußballbund.

Nach einer kleineren Diskussion, folgten insgesamt fünf Thementische zu Ansatzpunkten in der Personalpolitik der Kommunalverwaltung, diskriminierungskritischer Sensibilisierung, Empowerment muslimischer Frauen, Ideen zu Veranstaltungsformaten und (als inhaltliches Thema) Menschenrechtsansätzen zu einem inklusiven Arbeitsmarkt. Die Ergebnisse wurden in einer Abschlussrunde zusammengefasst und wir ließen die Veranstaltung mit anregenden Gesprächen im Hof ausklingen.

Am 1.7.19 hatte das Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration (MKFFI) zum Kongress "Muslimisches Engagement in NRW" geladen und Vertreter*innen aus rund hundert muslimischen Organisationen kamen. Das Aktionsbündnis wurde durch zwei Teilnehmerinnen repräsentiert; die Vorsitzende war Podiumsgast. Darüber hinaus gab es zahlreiche AmF-Mitglieder, die dort ihre eigenen Vereine/Projekte vertraten. Der Kongress wurde vom NRW-Integrationsminister Joachim Stamp eröffnet; er hob die Bedeutung der Zusammenarbeit mit muslimischen Akteuren der Zivilgesellschaft hervor und betonte die Notwendigkeit einer Versachlichung des Diskurses über Muslime. Dies war einer der Gründe, die Konferenz am Tag gegen antimuslimischen Rassismus auszurichten. Islamfeindliche Übergriffe bezeichnete er als "Angriffe auf die zentralen Werte unserer Gesellschaft." Anschließend stellten Prof. Aladin El-Mafaalani und die zuständige Referentin Munise Oguzay in kurzweiligen Reden die Struktur und Arbeitsbereiche der neu gegründeten Koordinierungsstelle vor.

Herzstück des Kongresses war die Arbeit in drei Fachforen zu den Themen "Innermuslimischer Dialog"; "Expertenrat" und "Projektförderung".

Im Fachforum Expertenrat konnte u.a. die AmF-Vorsitzende Gabriele Boos-Niazy einen Input geben. Die anschließende offene Diskussion verlief kontrovers, aber sachlich. Darüber, dass ein Expert*innenrat die Landesregierung dabei unterstützen könnte, die Lebenswirklichkeit der MuslimInnen besser als bisher kennenzulernen, herrschte weitgehende Einigkeit. Dazu sollten innerhalb des Rates Expert*innen verschiedener Fachrichtungen vertreten sein. Darüber, wie der Rat besetzt werden und eine breite Akzeptanz des Rates sichergestellt werden könne, konnte  innerhalb der zweistündigen Diskussion jedoch noch kein Konsens erzielt werden.

Das Fachforum Projektentwicklung begann mit der Vorstellung des Projekts "Qualifizierung muslimischer und alevitischer Wohlfahrtspflege". Das Projekt wurde sowohl vom Paritätischen Wohlfahrtsverband als auch von den beteiligten muslimischen Verbänden sehr positiv bewertet und ein Nachfolgeprojekt mit mehr Standorten und Gemeinden ist geplant.

Nachmittags wurden im Fachforum dann die Rahmenbedingungen und Erwartungen der Teilnehmer*innen  diskutiert. Dabei wurden die Kenntnis lokaler Strukturen und Akteure (sowohl von muslimischer als auch von staatlicher Seite) und die Qualitätskontrolle innerhalb der Projekte als wichtige Punkte genannt. Auch die Möglichkeit des Wissenstransfers aus bereits durchgeführten Projekten wurde diskutiert.

In der abschließenden Runde wurden die Ergebnisse der Fachforen in großer Runde vorgestellt. Dann klang die Veranstaltung in einem Get-Together aus, das wir nicht nur zur Vernetzung genutzt haben, sondern auch dafür, die anwesenden vielfältig aktiven AmF-Mitglieder, die sich noch nicht persönlich kannten, zusammenzubringen.

Am 7. Juni nimmt die AmF-Vorstandsvorsitzende Gabriele Boos-Niazy an der Auftaktveranstaltung zum Themenforum „Antidiskriminierung und Maßnahmen gegen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ teil.

Der Nationale Aktionsplan Integration (NAP-I) als Weiterführung des 2007 erstellten  Nationalen Integrationsplan (NIP) zielt darauf ab, Integrationserfolge klarer zu definieren und messbar zu machen. Es gilt, konkrete Ziele zu vereinbaren, Indikatoren zur Überprüfung, ob die Ziele erreicht wurden, zu benennen und einen Zeitrahmen festzulegen. (Der letzte Satz kann bei Bedarf wegfallen).

5 Phasen der Integration bilden den Rahmen für insgesamt 24 Themenforen, in denen ExperInnen in drei Arbeitssitzungen jeweils ein spezifisches Thema berarbeiten. Entsprechend der Expertise des AmF sind wir im Themenforum „Antidiskriminierung und Maßnahmen gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ vertreten, das zur 5. Phase der Integration („Zusammenhalt stärken – Zukunft gestalten“) zählt.  Das Themenforum endete mit der Identifizierung von 5 Schwerpunkten, die Gegenstand der beiden folgenden Treffen sein werden.

Stellungnahme zu den Plakaten der Partei DIE RECHTE im Europawahlkampf

Wir beziehen hiermit Stellung gegen den menschenverachtenden Europawahlkampf der Partei DIE RECHTE. Diese positioniert sich auf Ihren Plakaten und im Wahlprogramm eindeutig antisemitisch und mindestens gewaltverharmlosend.

Diese antisemitischen Parolen auf ihren Wahlplakaten sind ein Versuch bewusst extrem rechte Inhalte im öffentlichen Raum zu platzieren. Durch die öffentliche Raumnahme soll ein Klima der Angst erschaffen werden. Hieraus ergibt sich für potentiell Betroffene von extrem rechten Angriffen ein konkretes Bedrohungsszenario.

Eine solche politische Positionierung können und wollen wir im Rhein-Erft-Kreis nicht dulden. Deshalb solidarisieren wir uns mit allen Menschen,die Ziel der  menschenverachtenden Wahlkampfstrategie der Partei DIE RECHTE sind, welche laut Verfassungsschutzbericht 2017 ein Sammelbecken für Neonazis ist. Wir rufen die Menschen im Rhein-Erft-Kreis dazu auf, ihre Augen nicht vor Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zu verschließen. Treten Sie mit uns ein für eine offene, menschenfreundliche und vielfältige Demokratie und Gesellschaft.

Gleichzeitig bitten wir alle: gehen Sie zur Europawahl. Wir möchten all denen, die aktiv werden möchten oder von extrem rechten Angriffen betroffen sind, unsere Unterstützung anbieten. Hierzu bitten wir um Kontaktaufnahme über

Die Stellungnahme des ASH Sprungbrett e.V. zu den Plakaten der Partei DIE RECHTE hinweisen, hat das AmF mit unterzeichnet.

Unsere Vorstandsvorsitzende Maryam Kamil Abdulsalam verbrachte gemeinsam mit Vertretern der anderen Netzwerkorganisationen von CLAIM vom 2-3 Mai zwei inspirierende Tage in Berlin. Das Netzwerk dient der besseren Koordination, um die Arbeit gegen antimuslimischen Rassismus und Muslimfeindlichkeit effektiver zu gestalten. Bei Workshops, Diskussionsrunden und zahlreichen Inputs zu Themen wie Diskriminierungs-Datenerfassung, Islamfeindlichkeit im Bildungsbereich, Kritische Stimmen gegen Anti-Rassismusarbeit zeigte sich das gebündelte Know-How, das in diesem Netzwerk steckt.

Die anstehende Kampagne #HassKenntKeinHerz zum 1. Juli, dem Tag gegen antimuslimischen Rassismus, wurde vorgestellt und alle sind dazu aufgerufen mitzumachen! Auch wir!
Bleibt gespannt!

Das Bündnisses #GegenBerufsverbote, in dem auch das AmF Mitglied ist, gibt folgende Pressemitteilung heraus:

Zwei Verfahren – ein Ziel:
Kein Berufsverbot für muslimische Frauen mit Kopftuch!

Das Berufungsverfahren gegen das Neutralitätsgesetz ruht bis zum Ausgang des weiteren Prozesses am Bundesarbeitsgericht. Dieser wird dafür ausschlaggebend sein, ob muslimische Frauen mit Kopftuch in Berlin zukünftig gleichberechtigten Zugang zum Beruf als Lehrerin erhalten.

Pressemitteilung des Bündnisses #GegenBerufsverbot

Berlin, 30.04.2019. Im April 2017 klagte eine muslimische Grundschullehrerin gegen das Land Berlin, um weiter unterrichten zu dürfen. Unter Anführung des Neutralitätsgesetzes hatte das Land Berlin, ihr Arbeitgeber, sie aufgrund des Tragens eines Kopftuchs nach einem Tag gegen ihren Willen an eine Berufsschule versetzt. Ihre Klage wurde abgewiesen. Die Klägerin legte am Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg daraufhin Berufung ein, um sich gegen diese Diskriminierung zu wehren. Am heutigen Verhandlungstag entschieden das Gericht und die Parteien das Verfahren ruhen zu lassen. Grund dafür ist die Überlegung, den Ausgang eines ähnlichen Klageverfahrens vor dem Bundesarbeitsgericht abzuwarten. In dem ähnlichen Berufungsverfahren letztes Jahr hatte das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg geurteilt, das sog. Berliner Neutralitätsgesetz müsse verfassungsgemäß im Sinne der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2015 ausgelegt werden. Pauschale Kopftuchverbote sind demnach nicht mit dem Grundgesetz, das Religionsfreiheit garantiert, vereinbar. Das Land Berlin akzeptierte diesmal das Urteil nicht und legte beim Bundesarbeitsgericht (BAG) Revision ein. Das BAG-Verfahren wird auf alle künftige Verfahren Auswirkungen haben: „Ich hoffe, dass das BAG ebenfalls zu dem Ergebnis kommt, dass das Neutralitätsgesetz verfassungsgemäß ausgelegt werden muss. Wenn das BAG meiner Mandantin recht gibt, muss das Land Berlin sich zukünftig an diese Entscheidung halten“, so die Anwältin Maryam Hashemi. „Lehrerinnen mit Kopftuch würden so nicht mehr von dem Beruf, für den sie qualifiziert sind, ausgeschlossen werden. Sie müssten so auch nicht mehr vor Gericht ziehen, um ihr Recht auf freie Berufswahl – ebenfalls im Grundgesetz verankert – zu verteidigen“, so Zeynep Çetin vom Netzwerk gegen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit (Inssan e.V.). Das Bündnis #GegenBerufsverbot setzt sich für die selbstbestimmte Berufswahl muslimischer Frauen ein. Die Abschaffung des diskriminierenden Neutralitätsgesetzes ist hierfür Voraussetzung. Das Bündnis ist ein Zusammenschluss mehrerer Organisationen und Privatpersonen, die zum Thema Anti-Rassismus und Feminismus arbeiten und in der Debatte um das sogenannte Neutralitätsgesetz sowohl die Betroffenenperspektive als auch menschen-, bürger- und frauenrechtliche Argumente sichtbar machen möchte.

Die .pdf-Version der Pressemitteilung findet sich hier.

Jahrestage sind prädestiniert dafür, einen Blick in die Vergangenheit und einen in die Zukunft zu werfen.

Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Frauen schon sehr lange für ihre Rechte kämpfen müssen und sich manche Dinge, insbesondere Strukturen und Denkweisen, nur sehr langsam verändern. In der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart wurde und wird einigen Frauen eine gesetzlich verordnete Rolle rückwärts zugemutet, und das scheint sich in naher Zukunft nicht zu ändern, im Gegenteil.

Doch der Reihe nach: 1910 forderte Klara Zetkin auf einem Kongress mit Blick auf die Frauen schlicht und ergreifend: „Keine Sonderrechte, sondern Menschenrechte“; 1911 gingen Frauen in Deutschland und einigen anderen Ländern mit der Forderung nach mehr politischer Teilhabe auf die Straße, 1919 schließlich durften Frauen in Deutschland wählen und 1921 legte man sich auf den 8. März als Internationalen Frauentag fest.

1910, 1911, 1919, 1921 – wie sich das anhört! Nicht einmal unsere Eltern waren damals geboren, bei vielen von uns nicht einmal die Großeltern.

Seitdem hat sich – zwar langsam, aber immerhin – einiges getan. Die Autonomie von Frauen wurde gestärkt, indem sie selbst darüber entscheiden konnten, ob sie berufstätig sein wollten. Ihr Schutz vor Gewalt wurde nach und nach verbessert, zuletzt auch innerhalb der Ehe. Rechtliche und gesellschaftliche Hürden beim Zugang zu für Frauen „untypischen“ Berufen wurden im Namen der Gleichstellung nach und nach beseitigt. Theoretisch können heute alle Frauen in dem Beruf arbeiten, zu dem es sie hinzieht und für den sie sich qualifiziert haben. „Nur die Qualifikation zählt!“, also weder Geschlecht, Alter, Herkunft, Religion oder sonstige Merkmale, die das AGG (aus gutem Grund) aufzählt – so jedenfalls lautet das Versprechen und das Glaubensbekenntnis unserer modernen und aufgeklärten Gesellschaft. Keine Firma, keine Behörde würde von sich behaupten, dass nicht genau dies das Prinzip der eigenen Unternehmenskultur sei.

Soweit die Theorie.

Ein Blick in die Praxis zeigt, dass nach wie vor von einer gleichen Teilhabe Aller nicht die Rede sein kann: Je hierarchisch höher oder prestigeträchtiger ein Beruf oder ein Amt ist, desto seltener bildet sich dort die gesellschaftliche Vielfalt ab. Das gilt nicht nur in Bezug auf die Geschlechtszugehörigkeit, aber auch, und darum soll es mit Blick auf den 8. März vorrangig gehen.

Während für die Mehrheit der Frauen sukzessiv immer mehr Hürden beim Zugang zum Arbeitsmarkt fielen und noch existierende Hürden kritisch diskutiert wurden und werden, wurden sie für Frauen, die ein Kopftuch tragen, immer wieder explizit geschaffen. Sobald sie in angesehenen Berufen sichtbar wurden, begann die politische Debatte, die mit gesetzlichen Verboten endete: Lehrerinnen, Erzieherinnen, Beamtinnen, uniformierte Dienste und nun seit einiger Zeit der Justizdienst. Die renommierte Psychologin und Feministin Birgit Rommelspacher analysierte dies schon vor vielen Jahren messerscharf und stellte fest: Solche Ausgrenzungsphänomene sind symptomatisch für die Phase einer Gesellschaft, in der sich die Multikulturalität nicht mehr leugnen lässt und die Neu-Bürger*innen Partizipationschancen einfordern bzw. offensichtlich wird, dass sie sie bereits wahrnehmen. Die Ursache der Ausgrenzungsversuche sind ihren Untersuchungen zufolge auf Verteilungskonflikte zurückzuführen, den Anspruch der „Neuen“ auf Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen, zu Bildung, auf politischen Einfluss und öffentliche Repräsentanz. Der Mechanismus, diese Ansprüche abzuwehren, folgt einem altbewährten Prinzip, mit dem sich eine Gesellschaft in „wir“ und „ihr“ teilen lässt. Ohne Zutun und Einflussmöglichkeit der Betroffenen wurde das Kopftuch kurzerhand zum „Symbol“ erklärt, das sich mit den Werten der Verfassung nicht vertrage. Daher signalisiere jede Kopftuchträgerin mit dem Festhalten an ihrer Kopfbedeckung, dass sie „fremd“ sei, nicht die gleichen Werte teile, nicht in die Gesellschaft passe. Mit diesem „Othering“ – quasi der Zuschreibung der Nicht-Zugehörigkeit – lässt sich berechtigten Ansprüchen, wie z.B. die Freiheit der Berufswahl, die Legitimität entziehen. Gleichzeitig kann das eigene positive Selbstbild als aufgeschlossener und toleranter Mensch, als Befürworter der individuellen Freiheit, aufrechterhalten werden, denn aus dieser Perspektive hat sich die Kopftuchträgerin selbst ins Abseits manövriert, nicht etwa die (oft politisch motivierten) Zuschreibungen. Mit der vorgeblich neutralen Feststellung von kultureller Unterschiedlichkeit werden zudem rechtliche Konsequenzen (Kopftuchverbote) legitimiert, die wiederum die existierenden sozialen Hierarchien aufrechterhalten.

Gern wird dabei ignoriert, dass ein Kopftuchverbot eine starke geschlechtsspezifische Komponente hat, denn es trifft ausschließlich Frauen; muslimische Männer sind davon nicht beeinträchtigt. Folgerichtig stellte das Bundesverfassungsgericht 2015 fest, dass Kopftuchverbote im Konflikt mit dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes stehen und ausgerechnet gut ausgebildete Musliminnen an einer qualifizierten Berufstätigkeit hindern.

Frauen, die zum Kopftuchtragen gezwungen werden, hilft ein Verbot nicht; dort sind andere Maßnahmen gefragt, wie z.B. eine niedrigschwellige Beratung und Unterstützung. Ein Verbot dagegen ist kontraproduktiv, denn es versperrt betroffenen Frauen den von der Emanzipationsbewegung hart erstrittenen, klassischen Weg zur Selbstermächtigung: die Ergreifung eines Berufs, der sie wirtschaftlich unabhängig macht und die Grundlage dafür ist, sich selbst aus einer repressiven Beziehung lösen zu können.

Grundsätzlich bedarf es keiner (weißen) Männer und Frauen, um kopftuchtragende muslimische Frauen zu „befreien“, es braucht den Abbau von Ausgrenzungsmechanismen und tatsächliche Chancengleichheit. Denn: Der Zwang, gegen den eigenen Willen ein Kopftuch tragen zu müssen, steht dem Zwang, es gegen den eigenen Willen ablegen zu müssen, in nichts nach.

Es ist an der Zeit einzusehen, dass die Erkenntnisse der Frauenbewegung für alle Frauen, ungeachtet ihrer Religion, Weltanschauung oder Herkunft gelten. Einer dieser Meilensteine war, die individuelle Freiheit in den Vordergrund zu stellen und Argumente, die mit „Jede Frau...“ begannen, als das zu entlarven, was sie sind: Stereotype, die die eigene Weltsicht zum alleinigen Maßstab erheben. Darum ist die Erinnerung an die Erkenntnis der zweiten Frauenbewegung: „Keine Frau ist jede Frau“ nach wie vor aktuell – die Vorstellungen von einem Leben, das Frau zufriedenstellt, sind so vielfältig, wie die Frauen selbst und die Wege, die dorthin führen. Das gilt auch für muslimische Frauen mit und ohne Kopftuch.