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Am 22.November 2009 gründete sich ein bundesweiter Verein zur Vertretung der Interessen muslimischer Frauen in Deutschland.

Das seit 2007 bestehende Aktionsbündnis hat sich eine vereinsrechtliche Struktur gegeben. Mit der Gründung eines bundesweiten Vereins streben muslimische Frauen an, gemeinsame Anliegen besser zu vertreten. Der Verein setzt sich für die Verbesserung der politischen und gesellschaftlichen Teilhabe von Musliminnen ein. Er wendet sich gegen nationalistische und rassistische Anschauungen und fördert das interreligiöse und interkulturelle Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Besonderes Anliegen des Vereins ist die Förderung muslimischer Frauen bei der Wahrnehmung ihrer Rechte. Die Gründung der Interessenvertretung muslimischer Frauen wurde unterstützt durch das Dialogforum, in dem sich muslimische Vertreterinnen und Mitarbeiterinnen von Bundesministerien seit 5 Jahren regelmäßig auf gemeinsame Einladung der Bundesintegrationsbeauftragten, des BmFSFJ und der Muslimischen Akademie in Deutschland beraten.

Der Vorstand erklärte anlässlich der Gründung: „Muslimische Frauen sind bisher immer noch zu wenig auf politischer und zivilgesellschaftlicher Ebene repräsentiert.“ Er führt weiterhin aus: „Unter anderem strebt das Aktionsbündnis an, muslimische Frauen in Gremien der Bundesregierung wie z.B. der Deutschen Islamkonferenz und Anhörungen in deutschen Parlamenten zu vertreten.“

Gabriele Boos-Niazy, Mitglied des Vorstands, sagte dazu: „Wir alle sind politisch und zivilgesellschaftlich aktiv. Einige unserer Gründungsmitglieder sind innerhalb islamischer Organisationen engagiert, andere in islamischen Fraueninitiativen.“

Neben der Gründung eines Vereins wurde die Tagung zur Vernetzung und Abstimmung mit der bundesweiten Frauenhauskoordinierung genutzt.

Kontakt
info@www.muslimische-frauen.de
Postfachadresse: 250201, 50518 Köln

Gabriele Boos-Niazy (Stelv. Vorsitz)
Tuba Isik-Yigit (Vorstandsmitglied)
Gülüzar Keskin (Vorstandsmitglied)
Ayten Kilicarslan (Vorsitz)
Sevgi Sentürk (Kassenwart)
Katja Schöneborn (Vorstandsmitglied)
Selma Öztürk (Vorstandsmitglied)

Köln, 23.11.2009

Wir trauern um unsere Schwester Marwa El-Sherbini und bitten um Allahs Segen für Marwa und ihre Familie. Möge Allah ihrem Ehemann und ihrer Familie Kraft und Geduld geben.

Am 1. Juli 2009 wurde Marwa El-Sherbini, eine studierte Pharmazeutin und ägyptische Handballnationalspielerin, im Dresdner Landgericht brutal ermordet. Ihr Mörder hatte sie ein Jahr zuvor auf einem Spielplatz als “Islamistin”, “Terroristin” und “Schlampe” beschimpft, nachdem sie ihn gebeten hatte, für ihr damals zweijähriges Kind eine Schaukel freizumachen. Sie wandte sich an die deutsche Justiz, verklagte den Beleidiger und bekam Recht. In der Berufungsverhandlung brach der gesamte Hass des Angeklagten aus ihm hervor, und er erstach Marwa im Beisein des Richters, der Staatsanwältin, des Verteidigers, ihres Ehemannes und ihres dreijährigen Sohnes mit 18 Messerstichen. Marwas Ehemann wurde bei dem Versuch, seiner Frau zur Hilfe zu kommen, nicht nur vom Täter selbst mehrfach durch Messerstiche verletzt, sondern auch noch von einem aus dem Nebenraum herbeigeeilten Polizeibeamten angeschossen, der den Ehemann vermeintlich für den Täter hielt.

Dass eine Frau mit Kopftuch wegen ihres Glaubens in der Öffentlichkeit verbal angegriffen wird, ist zunächst nichts Neues, denn Diskriminierungserfahrungen sind für viele muslimische Frauen bereits Normalität geworden. Dieses Mal hat das Opfer aber, anders als bei der Mehrzahl ähnlicher Fälle, die Beleidigung nicht stillschweigend hingenommen. Marwa zeigte Selbstbewusstsein und nahm ihre demokratisch verbürgten Rechte wahr.

Seit Jahren bereits beobachten wir, die unterzeichnenden und in Deutschland lebenden Musliminnen, mit Sorge eine Steigerung der hiesigen Bedrohungssituation. Es ist salonfähig geworden, sich öffentlich gehässig über Muslime zu äußern, sie pauschal zu diffamieren und in Internetforen wie z.B. Politically Incorrect bislang ungestraft menschenverachtende Äußerungen über Muslime zu verbreiten. Jetzt ist geschehen, was nicht nur muslimische Frauen seit langem befürchtet haben: Eine Frau fiel diesen Hetzkampagnen zum Opfer. Marwa El-Sherbini ist das erste Todesopfer der sich seit Jahren steigernden Islamophobie in Deutschland.

Marwa hat auf die deutsche Verfassung und auf das deutsche Rechtssystem vertraut, ebenso wie es die meisten muslimischen Frauen hierzulande tun: Frauen, die trotz ihrer zunehmenden Diskriminierungserfahrungen in der Berufswelt und im öffentlichen Raum hohes Vertrauen in die deutsche Justiz haben und ihre Loyalität gegenüber dem Grundgesetz immer wieder zum Ausdruck bringen. Eben dieses Grundgesetz garantiert die Würde und Gleichheit jedes Menschen, ungeachtet seiner Herkunft, Religion und seines Geschlechts.

Oft genug fühlen wir uns allerdings von der Politik allein gelassen. Gerade bei diesem tragischen Fall nun hätten wir uns gewünscht, dass vor allem die Politiker und Politikerinnen, allen voran unsere Bundeskanzlerin Frau Merkel, aber auch Herr Bundesinnenminister Schäuble, der Initiator der Deutschen Islamkonferenz, Betroffenheit und Solidarität gezeigt hätten. Wo sind die FrauenrechtlerInnen, die sich gerade bei Gewalttaten an muslimischen Frauen sonst für das Recht der Frauen, die Verfolgung der Täter und die Veröffentlichung dieser Gewalttaten einsetzen?
Und warum zeigen die deutschen Medien so wenig Interesse an diesem Fall? Der amerikanische Sender CNN spricht bereits vom „veiled killing“ (verschleierter Mord). Stillschweigen und „unter den Teppich kehren“ ist keine demokratische Lösung. Längst spüren muslimische Bürgerinnen eine stetig steigende Islamfeindlichkeit in Deutschland, doch diese begründeten Befürchtungen werden von den Medien selten aufgegriffen, in der öffentlichen Debatte kaum wahrgenommen bzw. bagatellisiert.

Mit diesem Schreiben möchten wir die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, dass wir muslimischen Frauen eine zunehmende Fremdenfeindlichkeit am eigenen Leibe feststellen – vor allem natürlich, wenn wir ein Kopftuch tragen. Täglich erleben wir fremdenfeindliche Beschimpfungen auf der Straße, vor uns wird ausgespuckt und wir spüren zunehmend feindliche Blicke. Im Interesse aller in Deutschland lebenden Aus- wie Inländer muss endlich eine adäquate und sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema Islamophobie stattfinden. Wir schlagen vor, dass zu diesem Zwecke u.a. folgende Maßnahmen ergriffen werden:

  • Die begründeten Sorgen von Musliminnen und Muslimen müssen endlich ernst genommen werden.
  • Die im Grundgesetz verbrieften Rechte wie Gleichberechtigung von Mann und Frau, Diskriminierungsverbote, sowie Glaubens-, Gewissens und Bekenntnisfreiheit müssen umgesetzt werden.
  • Alle Frauen müssen in dieser Gesellschaft volle Partizipationsmöglichkeiten erhalten, ungeachtet ihrer Herkunft, Religion oder Art der Bekleidung.
  • Rassistische Internetforen (wie Politically Incorrect, Grüne Pest u.a.) müssen verboten werden.
  • Die bisher erlassenen Kopftuchverbote müssen auf ihre Verfassungskonformität und ihre gesellschaftliche Signalsetzung hin überprüft und abgeschafft werden.
  • Politik und Medien müssen zu ihrer Verantwortung stehen und in ihren Stellungnahmen gegenüber Islam und Muslimen differenzierter und sachlicher sein.
  • Soziale Probleme dürfen weder ethnisiert, also einseitig einzelnen Bevölkerungsgruppen zugeschoben, noch für Wahlkämpfe instrumentalisiert werden.

Wir hoffen sehr, dass sich Politik und Medien, Vereine und verantwortliche Einzelpersönlichkeiten künftig dafür einzusetzen, dass die bewusste oder unbewusste Ausgrenzung muslimischer Bürgerinnen und Bürger ein Ende findet.

Deutschland, im Juli 2009