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Jahrzehnte der Dialogarbeit, unzählige Artikel, Bücher und Vorträge muslimischer Referenten vor interessierten und kritischen Zuhörern in Frauengruppen, Kirchengemeinden, Rotaryclubs, wissenschaftlichen Tagungen und Seminaren. Tausendfach wiederholte Quranverse, die das Geschlechterverständnis in der islamischen Theologie deutlich machen: Die Schaffung von Mann und Frau aus einem Wesen, einer Seele (4:1; 7:189), die gleichen religiösen und moralischen Verpflichtungen, der gleiche Bewertungsmaßstab vor Gott (3:195), die Rolle beider als Beschützer und Unterstützer des anderen (9:71), die Verbindung von Ehepartnern auf der Grundlage von Liebe und Barmherzigkeit (30:21; 2:187), gleiche Verantwortlichkeit für die Vorkommnisse im Paradies (7:21-25; 20:116-124). Mehr als 2.500 Moscheen in Deutschland, in jeder davon jeden Freitag eine Ansprache, also rund 130.000 Ansprachen im Jahr und keine davon hat das Medienecho gefunden, das ein Wanderprediger in einer Rede, deren Inhalt indiskutabel ist, in einer Moschee in Berlin hervorgerufen hat.

Jeder, der einen Moment innehält, muss – leider – zu der Erkenntnis kommen, dass dieser Medienhype nichts über die Muslime in Deutschland aussagt, sondern vielmehr darüber, welches Bild von Muslimen in Deutschland reproduziert wird oder werden soll. Es ist das alte Lied: bad news are good news.

Wir sind es leid, in dem nie stillstehenden Hamsterrad von Distanzierungen und Richtigstellungen weiter mitzulaufen. Manchmal geraten wir in Versuchung, den Spieß einfach umzudrehen und zu sagen: In Deutschland besuchen jeden Tag rund eine halbe Million Männer Prostituierte, unter ihnen auch gewiss einige Zwangsprostituierte. Deutlicher lässt sich der Wunsch einer nicht gerade kleinen Gruppe nach einer Frau, die ohne eigene Ansprüche jederzeit verfügbar ist, kaum dokumentieren. Dennoch unterstellen wir nicht, dass dies ein tragendes Ideal dieser Gesellschaft sei, denn wir wissen, dass das, was Menschen tun und reden, sich häufig nicht nach den schönen Worten und hehren Prinzipien von Idealen, Gesetzen oder Religionen richtet. Wir sind uns darüber im Klaren, dass das Abweichen individueller Handlungen vom Ideal nicht das Ideal selbst in seinem Anspruch und seiner Wertigkeit mindert. Ein solches Handeln offenbart nur den Charakter desjenigen, der sich Inhalte nach seinen Vorstellungen zurechtbiegt. Es wäre schön, wenn die Gesellschaft diese Erkenntnis auch auf Muslime anwenden würde. Falls das zu anspruchsvoll ist, gibt es noch ein einfacheres Rezept, den gesellschaftlichen Frieden nicht andauernd auf die Probe zu stellen: Stell Dir vor, jemand redet Blödsinn und keiner berichtet darüber.

Das Aktionsbündnis muslimischer Frauen kümmert sich, wie viele andere muslimische Organisationen und auch Moscheegemeinden, tagtäglich um die brennenden Probleme, denen sich Muslime gegenüber sehen. Muslimische Frauen sind seit Jahrzehnten in- und außerhalb von islamischen Gemeinden, Moscheegemeinden, Verbänden, Initiativen und politischen Parteien aktiv. Sie setzen sich für Partizipation, Geschlechtergerechtigkeit, das Selbstbestimmungsrecht der Frau und deren Chancengleichheit in allen ihren Lebensbereichen ein. Das geschieht weitestgehend ohne finanzielle Unterstützung und ohne, dass die Gesellschaft diese Bemühungen wahrnimmt. Oft stoßen gerade muslimische Frauenorganisationen auf taube Ohren, wenn es z.B. darum geht, wie die strukturelle Diskriminierung, insbesondere Kopftuch tragender Frauen, abgebaut werden kann.

So vielfältig in der Herkunft und unterschiedlich in ihrer Zielsetzung die engagierten Frauen auch sein mögen, es eint sie die Überzeugung, dass Frauenfeindlichkeit sich nicht mit islamischen Prinzipien begründen oder vereinbaren lässt.

Wir muslimischen Frauen wünschen uns Unterstützung bei unserer Arbeit gegen jedwede Beschneidung der Rechte von Frauen und lehnen es ab, immer nur dann nach unserer Einschätzung gefragt zu werden, wenn es darum geht, auf Zuruf O-Töne zu liefern.

Außenseiter, die es in jeder Gruppe gibt, haben nur so viel Macht, wie ihnen durch unser aller Aufmerksamkeit eingeräumt wird. Es ist an der Zeit, von liebgewonnen Reflexen Abschied zu nehmen und die „Normalmuslime“ als Regelfall wahrzunehmen und nicht denjenigen, der seine individuelle Meinung mit aus dem Zusammenhang gerissenen und willkürlich interpretierten religiösen Versatzstücken als den wahren Islam propagiert.

Ja, es ist uns bewusst, dass es innerhalb der muslimischen Community vielfältige Probleme zu lösen gilt und ja, die Al Nur Moschee wird sich kritischen Fragen von Muslimen stellen müssen. In welcher Form und mit welcher Beteiligung der Öffentlichkeit das geschieht, muss – sofern keine rechtlichen Grenzen überschritten wurden – jedoch den Muslimen selbst überlassen bleiben. Es ist für viele Muslime enttäuschend, aber bezeichnend, dass Gesellschaft und Politik genau dies jedoch fortgesetzt vorschreiben wollen.

Aktionsbündnis muslimischer Frauen in Deutschland e.V.

Wesseling, 08.02.2015

Vor einigen Tagen wurden wir Zeugen einer Gemeinschaftsinszenierung von Innenminister Friedrich und der Bild-Zeitung, die Qualitäts- und Seriositätsstandards, an denen sich Politik und Medienwelt ausrichten sollten, in erschreckender Weise leichtfertig unterbot.

Ins Rampenlicht gezerrt wurde eine ca. 24% starke Subgruppe nichtdeutscher Muslime, die in der vom BMI beauftragten Studie als „Streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz“ beschrieben werden. Ihre Kennzeichen sind u.a.: ein großer Respekt vor familiären und religiösen Gebräuchen, viele private Kontakte mit Muslimen, Konsum von RTL und Sat.1-Nachrichtensendungen, die Ansicht, bei Problemen Hilfe in der eigenen Moschee zu finden und Besuche „fundamentalistischer“ Webseiten. Trotz deutlicher Hinweise in der Studie, dass methodisch gesehen keine Hochrechnung möglich ist, ja, nicht gemacht werden darf, schmolzen die Bild-Zeitung und Innenminister Friedrich die komplexe, über 750 Seiten umfassende Studie auf ein paar Schlagworte und vorzugsweise die Aussage zusammen, dass ein Viertel aller Muslime eine Integration ablehnt. Diese Sprache versteht das Wahlvolk, zu viel Differenzierung führt nur zur Verwirrung.

Würden an die autochthone Bevölkerung gleiche Maßstäbe angelegt, hieße das wohl, dass diejenigen, die familiäre und religiöse Werte wieder mehr geachtet sehen möchten, die die Religion als hilfreich bei der Bewältigung von Alltagsfragen sehen, die häufiger Kontakte zu Gleichgesinnten haben als zu Menschen, die einen anderen Lebensstil als sie selbst pflegen, die sich Nachrichten auch bei RTL und Sat.1 ansehen und einschlägige Webseiten (wie z.B. Politically Incorrect, irgendwoher müssen die täglich bis zu 75.000 Aufrufe ja schließlich kommen) besuchen, ebenso die Integration in die Deutsche Gesellschaft verweigern.

Wir alle wissen, dass die Welt nicht so einfach ist, deshalb appellieren wir im Hinblick auf den gesellschaftlichen Frieden an alle, einmal tief durchzuatmen und – vor allem, wenn es an persönlichen Kontakten zu Muslimen mangelt, wie das meist der Fall ist – auf das zu schauen, was diejenigen sagen, die die Studie durchgeführt haben:

  • „Die eine Art von Muslimen gibt es nicht“.
  • Integration ist ein interaktiver Prozess, keine Einbahnstraße.
  • Der Erwerb von Sprachkenntnissen ist für eine Integration unerlässlich.
  • Das Grundgesetz und die Rechtsordnung sind der Rahmen, in dem wir uns alle bewegen können und dürfen; daran erinnern muss man auch die fast 60 % der deutschen Bürger, die lt. der 2010 von der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführten Befragung Muslimen das Recht auf Religionsfreiheit „erheblich einschränken“ wollen.
  • Es sind „[...] gesellschaftliche Initiativen und Maßnahmen zu realisieren, die den Aufbau einer positiven bikulturellen Identität der Muslime erleichtern, um auf diese Weise islamistischen Radikalisierungsprozessen vorzubeugen und Integrationsprozesse zu befördern.“
  • Die Studie erlaubt weder die Hochrechnung der Prozentangaben „[...]auf alle in Deutschland lebenden Muslime im Allgemeinen noch auf alle in Deutschland lebenden jungen Muslime im Alter von 14 bis 32 Jahren.“

Wir waren bisher der Meinung, dass über diese Punkte ohnehin schon ein breiter gesellschaftlicher Konsens existiert und hoffen nicht, dass die sicherlich noch kommenden Diskussionen und eventuell daraus folgenden Taten Einzelner uns nicht eines Schlechteren belehren werden.

Der Schaden ist angerichtet und zwar auf breiter Front, wie dem Interview mit Prof. Frindte in der Islamischen Zeitung zu entnehmen ist. Die Wissenschaftler und ihre Ergebnisse wurden für politische und populistische Ziele benutzt. Es ist noch nicht lange her, dass der Beirat einer vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebenen Studie zur Zwangsverheiratung sich nach der Vorstellung durch Ministerin Schröder öffentlich gegen deren gängige anti-muslimische Klischeebilder bestätigende und damit den Ergebnissen der Studie zuwiderlaufende Interpretation zur Wehr setzen musste. Das Gleiche ist jetzt wieder geschehen, nur in noch größerem Ausmaß. Vermutlich wird es nicht das letzte Mal sein. Es bleibt zu hoffen, dass für die Zukunft auch von wissenschaftlicher Seite daraus Konsequenzen gezogen werden und staatlich finanzierten Forschungsprojekten mit dem notwendigen Argwohn begegnet wird.

Auch das Verhalten der Printmedien war (einmal mehr) nicht rühmlich. Die ersten Schlagzeilen beteten unkritisch die ministerialen Interpretationen nach, häufig garniert mit dem Standardfoto: der Rückenansicht einer oder mehrerer Kopftuch tragenden Frau/en als Sinnbild der gesichtslosen, verhüllten Bedrohung.
Auch wenn es zwischenzeitlich die eine oder andere kritische Stimme gibt, bleibt der schale Nachgeschmack, dass die Angst, hinter anderen Zeitungen bzw. Sendern zurückzubleiben, die einzige Triebfeder des Handelns ist. Das Porzellan, das dadurch zerschlagen wird, ist auch durch eine spätere kritische Berichterstattung nicht wieder zu kitten.

Wesseling, 04.03.2011

Aktionsbündnis muslimischer Frauen in Deutschland e.V.

(PDF Version)

Quellen:
Kurzzusammenfassung der Studie "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland"
Verfasser: Prof. Dr. Wolfgang Frindte, Friedrich-Schiller-Universität Jena
http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Standardartikel/DE/Themen/Sicherheit/SichAllge/summary_junge_muslime.html?nn=109628

Langfassung
http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2012/junge_muslime.pdf?__blob=publicationFile

Die Mitte in der Krise - Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010
http://library.fes.de/pdf-files/do/07504.pdf

Umstrittene Jugend-Studie: IZ-Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Frindte zu den Ergebnissen seiner Erhebung
http://www.islamische-zeitung.de/?id=15585
Unbedingt lesenswert: Die Stellungnahme des Forschungsprojekts HEYMAT
http://www.migazin.de/wp-content/uploads/2012/03/Stellungnahme-zur-Studie-Lebenswelten-junger-Muslime-in-Deutschland-Foroutan-HU.pdf

Presseerklärung des Aktionsbündnisses muslimischer Frauen e.V. zum 100. Internationalen Frauentag am 8.März 2011

Seit nunmehr einhundert Jahren bietet der von einer deutschen Demokratin initiierte Internationale Frauentag jährlich Anlass nnezuhalten, zurückzublicken und auf bestehende Probleme hinzuweisen.

Respekt für die Kreativität und den Freiheitswillen von Frauen in Nordafrika
Unsere Anerkennung und unser Respekt gilt den Frauen verschiedenster Religionen, die sich in Tunesien, Ägypten und vielen anderen Ländern, in Gefahr für ihr Leben und ihre Unversehrtheit begeben. Sie demonstrieren mit, versorgen Verwundete und unterstützen die Bewegungen für Selbstbestimmung, Meinungsfreiheit und gegen korrupte Systeme auf kreative Weise auch dort, wo sie nicht auf die Straße gehen. An erster Stelle hoffen wir auf ein baldmögliches Ende der blutigen Kämpfe in Libyen und darauf, dass Menschen überall auf der Welt ihre Unzufriedenheit mit Ungleichbehandlung und der Zukunftslosigkeit heranwachsender Generationen äußern und an der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen entscheidend mitwirken können. Wir wünschen den Frauen in Nordafrika besonders, dass ihre Stimmen auch während der Regierungsneubildungen und der Weichenstellung für die Zukunft ihrer Länder gehört werden und sich ihr Engagement in einer angemessenen
Ämterbeteiligung niederschlägt.

In Deutschland finden wir muslimischen Frauen uns immer wieder als Betroffene in Islamdebatten wieder. Doch nur selten werden wir gefragt, wird das Gespräch mit uns gesucht, wird uns Unterstützung dafür angeboten, unsere Lage selbst zu verbessern. Deshalb hat sich das Aktionsbündnis muslimischer Frauen im Herbst 2009 gegründet, um gemeinsam Probleme in der deutschen Gesellschaft und in den eigenen Gemeinschaften anzupacken. Viele Musliminnen im Land scheinen auf eine solche Möglichkeit, direkt in den gesellschaftspolitischen Debatten vertreten zu sein gewartet zu haben; innerhalb von 11 Monaten wurden über 300 Frauen Mitglied in unserem Bündnis. Darüber hinaus fand unsere Initiative vor allem in der Frauenbewegung Widerhall. Im November 2010 wurde das AmF in den Deutschen Frauenrat aufgenommen.

Betroffene Frauen müssen erfahren, dass ihnen geholfen wird!

Das AmF begrüßt die Bemühungen der Bundesregierung zur Stärkung der Rechte von Betroffenen von Zwangsverheiratung. Wichtigstes Ziel sollte dabei sein, bundesweit betroffenen Frauen über ihre Rechte und Möglichkeiten aufzuklären und sensibel zu beraten. Beratungs- und Schutzangebote müssen aufgebaut werden, die Frauen direkt und wirksam erreichen. Derzeit vorgesehene Erhöhungen der hebestandszeit laufen Gefahr, dafür zu sorgen, dass Frauen aus Angst vor Abschiebung in lebensbedrohlichen und unwürdigen Situationen ausharren. Abgesehen davon unterstützt das AmF die Stärkung der Rückkehrrechte von Betroffenen.

Islamdebatten des vergangenen Jahres waren eine Herausforderung

Der Blick in deutsche Medien brachte im vergangenen Jahr wieder täglich neue Herausforderungen. In dem häufig gezeichneten Bild von gewalttätigen, muslimischen Transfergeldempfängern konnten wir weder uns noch unsere männlichen Familienmitglieder wiedererkennen. Sehr wohl erkennen wir uns hingegen wieder in dem von der Bundesjustizministerin geäußerten Bekenntnis zu Religionsfreiheit und Gleichheit der Religionen auch im Bezug auf die Ausübung, zu Gleichbehandlung und gleichen Rechte als Frauen. Dazu gehören unserer Auffassung nach Zugangschancen zu Bildung und zum Arbeitsmarkt, Schutz vor Gewalt ob in der Öffentlichkeit oder im eigenen Familienkreis.

Das AmF begrüßt, unterstützt und ist bereit zur Mitarbeit bei all jenen Initiativen, die sich der Stärkung der im Grundgesetz verbürgten Rechte auf Menschenwürde, körperliche Unversehrtheit, Religions- und Meinungsfreiheit sowie des gesundheitlichen, wirtschaftlichen und geistigen Wohlbefindens von Frauen widmen, insbesondere muslimischer Frauen, denn hier liegt unsere größte Kompetenz.

Freiheit aller Religionen und Weltanschauungen ermöglichen, willkürliche
Ausgrenzungen verhindern! Wir setzen uns ein.

Wesseling, 08.03.2011

Aktionsbündnis muslimischer Frauen e. V.
www.muslimische-frauen.de
E-Mail: info@www.muslimische-frauen.de

PDF-Version der Pressemitteilung zum download hier.

Wir trauern um unsere Schwester Marwa El-Sherbini und bitten um Allahs Segen für Marwa und ihre Familie. Möge Allah ihrem Ehemann und ihrer Familie Kraft und Geduld geben.

Am 1. Juli 2009 wurde Marwa El-Sherbini, eine studierte Pharmazeutin und ägyptische Handballnationalspielerin, im Dresdner Landgericht brutal ermordet. Ihr Mörder hatte sie ein Jahr zuvor auf einem Spielplatz als “Islamistin”, “Terroristin” und “Schlampe” beschimpft, nachdem sie ihn gebeten hatte, für ihr damals zweijähriges Kind eine Schaukel freizumachen. Sie wandte sich an die deutsche Justiz, verklagte den Beleidiger und bekam Recht. In der Berufungsverhandlung brach der gesamte Hass des Angeklagten aus ihm hervor, und er erstach Marwa im Beisein des Richters, der Staatsanwältin, des Verteidigers, ihres Ehemannes und ihres dreijährigen Sohnes mit 18 Messerstichen. Marwas Ehemann wurde bei dem Versuch, seiner Frau zur Hilfe zu kommen, nicht nur vom Täter selbst mehrfach durch Messerstiche verletzt, sondern auch noch von einem aus dem Nebenraum herbeigeeilten Polizeibeamten angeschossen, der den Ehemann vermeintlich für den Täter hielt.

Dass eine Frau mit Kopftuch wegen ihres Glaubens in der Öffentlichkeit verbal angegriffen wird, ist zunächst nichts Neues, denn Diskriminierungserfahrungen sind für viele muslimische Frauen bereits Normalität geworden. Dieses Mal hat das Opfer aber, anders als bei der Mehrzahl ähnlicher Fälle, die Beleidigung nicht stillschweigend hingenommen. Marwa zeigte Selbstbewusstsein und nahm ihre demokratisch verbürgten Rechte wahr.

Seit Jahren bereits beobachten wir, die unterzeichnenden und in Deutschland lebenden Musliminnen, mit Sorge eine Steigerung der hiesigen Bedrohungssituation. Es ist salonfähig geworden, sich öffentlich gehässig über Muslime zu äußern, sie pauschal zu diffamieren und in Internetforen wie z.B. Politically Incorrect bislang ungestraft menschenverachtende Äußerungen über Muslime zu verbreiten. Jetzt ist geschehen, was nicht nur muslimische Frauen seit langem befürchtet haben: Eine Frau fiel diesen Hetzkampagnen zum Opfer. Marwa El-Sherbini ist das erste Todesopfer der sich seit Jahren steigernden Islamophobie in Deutschland.

Marwa hat auf die deutsche Verfassung und auf das deutsche Rechtssystem vertraut, ebenso wie es die meisten muslimischen Frauen hierzulande tun: Frauen, die trotz ihrer zunehmenden Diskriminierungserfahrungen in der Berufswelt und im öffentlichen Raum hohes Vertrauen in die deutsche Justiz haben und ihre Loyalität gegenüber dem Grundgesetz immer wieder zum Ausdruck bringen. Eben dieses Grundgesetz garantiert die Würde und Gleichheit jedes Menschen, ungeachtet seiner Herkunft, Religion und seines Geschlechts.

Oft genug fühlen wir uns allerdings von der Politik allein gelassen. Gerade bei diesem tragischen Fall nun hätten wir uns gewünscht, dass vor allem die Politiker und Politikerinnen, allen voran unsere Bundeskanzlerin Frau Merkel, aber auch Herr Bundesinnenminister Schäuble, der Initiator der Deutschen Islamkonferenz, Betroffenheit und Solidarität gezeigt hätten. Wo sind die FrauenrechtlerInnen, die sich gerade bei Gewalttaten an muslimischen Frauen sonst für das Recht der Frauen, die Verfolgung der Täter und die Veröffentlichung dieser Gewalttaten einsetzen?
Und warum zeigen die deutschen Medien so wenig Interesse an diesem Fall? Der amerikanische Sender CNN spricht bereits vom „veiled killing“ (verschleierter Mord). Stillschweigen und „unter den Teppich kehren“ ist keine demokratische Lösung. Längst spüren muslimische Bürgerinnen eine stetig steigende Islamfeindlichkeit in Deutschland, doch diese begründeten Befürchtungen werden von den Medien selten aufgegriffen, in der öffentlichen Debatte kaum wahrgenommen bzw. bagatellisiert.

Mit diesem Schreiben möchten wir die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, dass wir muslimischen Frauen eine zunehmende Fremdenfeindlichkeit am eigenen Leibe feststellen – vor allem natürlich, wenn wir ein Kopftuch tragen. Täglich erleben wir fremdenfeindliche Beschimpfungen auf der Straße, vor uns wird ausgespuckt und wir spüren zunehmend feindliche Blicke. Im Interesse aller in Deutschland lebenden Aus- wie Inländer muss endlich eine adäquate und sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema Islamophobie stattfinden. Wir schlagen vor, dass zu diesem Zwecke u.a. folgende Maßnahmen ergriffen werden:

  • Die begründeten Sorgen von Musliminnen und Muslimen müssen endlich ernst genommen werden.
  • Die im Grundgesetz verbrieften Rechte wie Gleichberechtigung von Mann und Frau, Diskriminierungsverbote, sowie Glaubens-, Gewissens und Bekenntnisfreiheit müssen umgesetzt werden.
  • Alle Frauen müssen in dieser Gesellschaft volle Partizipationsmöglichkeiten erhalten, ungeachtet ihrer Herkunft, Religion oder Art der Bekleidung.
  • Rassistische Internetforen (wie Politically Incorrect, Grüne Pest u.a.) müssen verboten werden.
  • Die bisher erlassenen Kopftuchverbote müssen auf ihre Verfassungskonformität und ihre gesellschaftliche Signalsetzung hin überprüft und abgeschafft werden.
  • Politik und Medien müssen zu ihrer Verantwortung stehen und in ihren Stellungnahmen gegenüber Islam und Muslimen differenzierter und sachlicher sein.
  • Soziale Probleme dürfen weder ethnisiert, also einseitig einzelnen Bevölkerungsgruppen zugeschoben, noch für Wahlkämpfe instrumentalisiert werden.

Wir hoffen sehr, dass sich Politik und Medien, Vereine und verantwortliche Einzelpersönlichkeiten künftig dafür einzusetzen, dass die bewusste oder unbewusste Ausgrenzung muslimischer Bürgerinnen und Bürger ein Ende findet.

Deutschland, im Juli 2009